Grasendes Pferd auf einer Weide

Ein Pferd, das Angst vor Kühen hatte und was das mit Desensibilisierung zu tun hat

Desensibilisierung und Habitualisierung (umgangssprachlich Gewöhnung genannt) sind zwei Prozesse, die bei Tieren und auch Menschen zusammen auftreten.

Habitualisierung ist ein Lernprozess, bei dem das Tier wiederholt demselben Reiz (z. B. Verkehrslärm, fremde Menschen, andere Tiere etc.) ausgesetzt wird und an den sich das Tier mit der Zeit gewöhnt. Der Grad der Gewöhnung lässt sich daran ablesen, dass das Tier mit der Zeit immer weniger auf den Reiz reagiert, bis der Reiz eventuell gar keine Reaktion mehr auslöst.

Pferde und auch andere Tiere lernen von der Geburt bis zum Tod durch Habitualisierung mit ihnen unbekannten Reizen umzugehen und sich an diese zu gewöhnen.

Desensibilisierung ist ein Lernprozess, bei dem das sensible oder hypersensible Tier langsam an einen Reiz gewöhnt wird, der zu Beginn eine starke Gegenreaktion (z. B. Angst, Flucht, Aggression etc.) beim Tier auslöst. Dabei bedeutet sensibel oder hypersensibel, dass das Tier auf einen bestimmten Reiz einer starke oder sehr starke Abwehrreaktion zeigt.

In dem Beispiel des Pferdes aus der VOX-Show, das Angst vor Kühen hat, hat der Prozess der Habitualisierung gegenüber Kühen aus irgendeinem nicht weiter bekannten Grund nicht geklappt. Anstelle einer Gewöhnung an den Anblick von Kühen hat das Pferd eine starke Gegenreaktion ihnen gegenüber entwickelt. Dabei kann das auch einfach zufällig passiert sein, indem z. B. das Pferd etwas Negatives erlebt hat, während Kühe in seinem Blickfeld waren, wie z. B. der zufällige Kontakt mit dem Stromzaun auf der Weide. Obwohl es keinen logischen Zusammenhang zwischen der Anwesenheit der Kühe und dem Stromschlag gibt, kann es trotzdem zu einer Verknüpfung zwischen diesen beiden Reizen im Kopf des Pferdes gekommen sein, in dessen Folge das Pferd eine Angst vor Kühen entwickelt hat, die eigentlich eine Angst vor einem erneuten Stromschlag ist, aber falsch verknüpft wurde.

Um dem Pferd die Angst vor den behörnten Tieren zu nehmen, ist es notwendig, einen Desensibilisierungsprozess gegenüber Kühen durchzuführen. Um den Lernprozess zu beschleunigen, kann außerdem die klassische und operante Konditionierung verwendet werden, mit der Pferde und auch andere Tiere ohne großen Aufwand lernen können.

Klassische Konditionierung heißt, das ein zuvor für das Tier bedeutungsloser Reiz mit einem Reiz verknüpft wird, der eine Reaktion hervorruft. Das passiert z. B. auch dann, wenn das Pferd durch Training lernt, als Reaktion auf einen dem Pferd bekannten Schenkeldruck und das unbekannte, verbale Kommando „Trab“ anzutraben. Zu Beginn des Trainings hat das Wort „Trab“ für das Pferd keinerlei Bedeutung. Durch Wiederholungen des Wortes zu dem Zeitpunkt, wenn das Pferd durch Schenkeldruck antrabt, wird mit der Zeit eine Verknüpfung beim Pferd zwischen dem Wort und dem Gangartwechsel hergestellt. In der Folge wird das Pferd nach einigen Wiederholungen nur auf das Wort „Trab“ hin antraben, ohne das Schenkeldruck eingesetzt werden muss. Der Prozess der Konditionierung dauert nicht lange, wenn er konsistent ausgeführt wird, d. h. wenn das Wort Trab so lange jedes Mal beim Antraben benutzt wird, bis das Pferd die Verknüpfung hergestellt hat.

Diese Verknüpfung kann übrigens auch mit zufällig gezeigtem Verhalten durchgeführt werden: Scharrt das Pferd mit dem Huf und wird dieses Verhalten in dem Moment durch den Mensch mit einem Wort benannt und dies geschieht häufig, wenn das Pferd dieses Verhalten zeigt, dann verknüpft das Pferd bald das Verhalten mit diesem Wort. Und nach einer Zeit kann durch das Aussprechen dieses Wortes wiederum das Verhalten ausgelöst werden.

Genauso kann es aber auch passieren, dass eine Verknüpfung eines Verhaltens mit einem negativen Reiz geschieht. Das kann dann passieren, wenn das Pferd vom Tierarzt gespritzt wird und es diesen Vorgang als unangenehm wahrnimmt. Das Pferd verknüpft dann unter Umständen die unangenehme Erfahrung des Spritzens mit dem Anblick des Tierarztes. Das kann dann dazu führen, dass das Pferd beim nächsten Besuch des Tierarztes eine heftige Gegenreaktion zeigt, wie etwa die Flucht ergreifen oder scheuen. Hier wird also der unbekannte, nicht mit einer Reaktion verknüpfte Reiz „Anblick des Tierarztes“ mit dem negativen Reiz des Schmerzes beim Spritzen verknüpft, der eine Abwehrreaktion dem Tierarzt gegenüber auslöst.

Zurück zur Desensibilisierung: Hierbei kommt es darauf an, das Pferd in kleinen Schritten an den stressauslösenden Reiz zu gewöhnen. Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, dass der Reiz nicht zu früh wieder entfernt wird und der Reiz zu Beginn auch nicht zu nah oder stark ist. Wird nämlich der Reiz zu früh wieder entfernt, findet keine Gewöhnung statt, sondern eine weitere Hypersensibilisierung. Der Reiz sollte deshalb erst dann entfernt werden, wenn das Pferd Zeichen der Entspannung zeigt, z. B. indem es anfängt zu grasen.

Hier wird der Vorgang der operanten Konditionierung verwendet, bei dem das Pferd eine gewünschte Aktion (sich entspannen und grasen) ausführt und dafür einen Belohnung erhält, hier reicht unter Umständen schon die Aufnahme von Futter oder die Entfernung vom Reiz. Die Aufnahme von Futter ist dann einen positive und die Entfernung vom Reiz eine negative Verstärkung des gezeigten Verhaltens. D. h. einen positive Verstärkung fügt eine Belohnung hinzu, während eine negative Verstärkung einen unangenehmen Reiz entfernt.

Die operante Konditionierung funktioniert immer nach dem Zufallsprinzip: Ein Tier führt zufällige Handlungen aus und lernt durch Ausprobieren, welche Aktion eine Belohnung auslöst oder dafür sorgt, dass ein unangenehmer Reiz entfernt wird. Wird dann im richtigen Moment die korrekte Aktion belohnt, wird das Tier diese mit großer Wahrscheinlichkeit wiederholen. Durch diese Methode lernen Tiere sehr schnell neue Dinge, besonders wenn dabei mit positiver Verstärkung gearbeitet wird. Ich habe meinem ehemaligen Pflegepony mit dieser Methode beigebracht, einen Teppich auszurollen. Dazu habe ich einen mit Leckerchen gespickten Teppich eingerollt auf den Platz gelegt und das Pony damit probieren lassen. Durch Zufall stubste es bei der Untersuchung des neuen Gegenstandes an die Rolle des Teppichs und legte damit das erste Leckerchen frei. Es probierte dasselbe Verhalten daraufhin sofort wieder und erhielt dadurch das nächste Leckerchen. Das nächste Mal musste ich schon keine Leckerchen mehr im Teppich verstecken, sondern den Teppich selbst, da das Pony sofort zum Teppich lief und ihn ausrollte, sobald es ihn sah.

Gut aufpassen mit der positiven Verstärkung: Denn diese kann auch von uns unbeabsichtigt erfolgen: Tritt das Pferd aus Ungeduld beim Füttern vor die Boxentür und bekommt daraufhin das Futter in den Trog, kann sich dabei schnell eine Verknüpfung aus Boxentürtritt und schneller Futtergabe ergeben.

Um einem Tier effizient und verlässlich etwas beizubringen, ist es wichtig, im Training richtige Verhaltensweisen zu belohnen und falsche zu ignorieren. Das gilt freilich nicht für den Alltag, wenn das Tier gerade dabei ist, den Mülleimer leer zu fressen oder den Menschen zu zwicken.

Der Grund, warum das Tier mittels operanter Konditionierung lernen kann, ist, weil es zwischen verschiedenen Reizen unterscheiden kann, also zwischen einem Reiz, der eine Verstärkung auslöst und einem, der keine Verstärkung auslöst. Wenn also ein bestimmter Reiz präsentiert wird, zeigt das Pferd einen bestimmten Reiz – im Beispiel vom Pferd von oben zeigt das Pferd beim Anblick von Kühen vermeidendes Fluchtverhalten. Wenn es allerdings z. B. Ziegen begegnet, wird es das Verhalten nicht zeigen. Das nennt man Diskriminierungslernen.

Quellen:
Rankin C. H., Abrams T. et al., „Habituation Revisited: An Updated and Revised Description of the Behavioral Characteristics of Habituation“, in Neurobiol Learn Mem. 2009, 92(2), 135 – 138.
Hanggi E. B., „The Thinking Horse: Cognition and Percetion Reviewed“, in AAEP Proceedings, Vol. 51, 2005. 246 – 255.

Sendung „Die Pferdeprofis“, 2020, VOX. „Traumpferd Kajwer hat Angst vor Rindern“ (https://www.vox.de/cms/sendungen/die-pferdeprofis.html)

Möchtest du die Folge zum Blogbeitrag hören? Diese findest du hier.

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: