Ein Pferd, das Angst vor Kühen hatte und was das mit Desensibilisierung zu tun hat

Grasendes Pferd auf einer Weide

Das Pferd ist ein Fluchttier und deshalb ist Angst vor Unbekanntem wie Kühen ein normales Verhalten

Uns Menschen fällt es im Umgang mit unseren Tieren immer wieder schwer, nachzuvollziehen, warum unser Tier, in diesem Fall unser Pferd, Angst vor bestimmten Dingen hat. Für uns sind Kühe ganz normale Wesen, die ruhig und gelassen auf einer Wiese stehen, ihre Köpfe ins Gras stecken und grasen oder rumliegen und wiederkäuen. Warum ist das aber für manche Pferde anscheinend ganz anders? Das wollen wir in diesem Blogartikel klären.

Bei Angst vor Kühen ist mal was schief gegangen

Aber nicht unbedingt so, dass wir Menschen es gemerkt haben. Für ein Pferd, das vorher noch keinen Kontakt zu Kühen hatte, ist der erste Anblick der gehörnten (naja, die meisten haben keine mehr), zumindest aber anders aussehenden Tieren ungewohnt. Einfach dadurch, dass sie zuvor noch nie welche gesehen haben. Uns würde das wahrscheinlich ähnlich gehen, wenn wir plötzlich Außerirdischen begegnen würden.

Das Entscheidende passiert jetzt im nächsten Augenblick: Finden wir die Außerirdischen zum Fürchten entwickeln wir eine Angst ihnen gegenüber. Finden wir sie neutral bis kurios und neugiererweckend empfinden wir keine Angst.

Und genauso kann es bei deinem Pferd sein: Ist es neugierig und aufgeschlossen, wird seine Emotion wahrscheinlich eher positiv sein. Das kann auch davon abhängen, wie sich die Kühe verhalten, wenn sie dein Pferd sehen. Grasen sie einfach ruhig weiter? Oder muhen sie vielleicht laut oder rennen weg? Und es hat wahrscheinlich auch etwas mit dem Nervenkostüm und dem Typ deines Pferdes zu tun: Ist es eher zurückhaltend oder neugierig? Regt es sich schnell auf oder kann es vieles gelassen hinnehmen?

Die Gelassenheit kann man übrigens auch trainieren, indem man mit dem Pferd immer wieder unterschiedliche Dinge macht. Und das auf eine Art und Weise, in der man das Pferd nicht überfordert. D. h. indem man die Annäherung an etwas in kleine Schritte aufteilt und sein Pferd immer wieder lobt, statt es zu bestrafen, wenn es etwas aus unserer Sicht falsch macht. Wenn du da noch mehr wissen möchtest, kann ich dir den Onlinekurs Ninas Basics von Nina Steigerwald empfehlen, in dem du lernst, mit positiver Verstärkung zu trainieren. (*der Link ist ein Affiliate-Link, über den wir eine Empfehlungsprovision bekommen. Für dich ändert sich aber nichts am Preis.)

Das soweit erstmal dazu, wie es überhaupt passiert, dass dein Pferd Angst vor Kühen entwickelt. Ganz genau können wir das natürlich nicht sagen, weil wir ja nicht in den Kopf deines Pferdes schauen oder es fragen können.

Ein bisschen wichtige Lerntheorie für dich

Wenn du übrigens lieber etwas darüber hören möchtest, empfehlen wir dir unsere passende Podcastfolge dazu.

Wir finden es wichtig, Begriffe aus der Lerntheorie zu erklären und dir verständlich zu machen. Das, was wir oben beschrieben haben, wird Habitualisierung genannt. Und wie Habitualisierung definiert wird, erklären wir dir jetzt:

Habitualisierung (umgangssprachlich: Gewöhnung) ist ein Lernprozess, bei dem das Tier wiederholt demselben Reiz (z. B. Verkehrslärm, fremde Menschen, andere Tiere etc.) ausgesetzt wird und an den sich das Tier mit der Zeit gewöhnt. Der Grad der Gewöhnung lässt sich daran ablesen, dass das Tier mit der Zeit immer weniger auf den Reiz reagiert, bis der Reiz eventuell gar keine Reaktion mehr auslöst.

Pferde und auch andere Tiere lernen von der Geburt bis zum Tod durch Habitualisierung mit ihnen unbekannten Reizen umzugehen und sich an diese zu gewöhnen.

Diese beiden treten immer zusammen auf: Habitualisierung und Desensibilisierung

Habitualisierung ist ein Prozess, der gemeinsam mit einem der beiden anderen Prozesse auftritt: Desensibilisierung oder Sensibilisierung

Was die Wissenschaft unter Desensibilisierung versteht, erklären wir dir hier:

Desensibilisierung ist ein Lernprozess, bei dem das sensible oder hypersensible Tier langsam an einen Reiz gewöhnt wird, der zu Beginn eine starke Gegenreaktion (z. B. Angst, Flucht, Aggression etc.) beim Tier auslöst. Dabei bedeutet sensibel oder hypersensibel, dass das Tier auf einen bestimmten Reiz einer starke oder sehr starke Abwehrreaktion zeigt.

Ein Beispiel aus einer Fernsehsendung macht’s deutlich

In dem Beispiel eines Pferdes aus der VOX-Show, das Angst vor Kühen hat, hat der Prozess der Habitualisierung gegenüber Kühen aus irgendeinem nicht weiter bekannten Grund nicht geklappt. Anstelle einer Gewöhnung an den Anblick von Kühen hat das Pferd eine starke Gegenreaktion ihnen gegenüber entwickelt. Dabei kann das auch einfach zufällig passiert sein, indem z. B. das Pferd etwas Negatives erlebt hat, während Kühe in seinem Blickfeld waren, wie z. B. der zufällige Kontakt mit dem Stromzaun auf der Weide. Obwohl es keinen logischen Zusammenhang zwischen der Anwesenheit der Kühe und dem Stromschlag gibt, kann es trotzdem zu einer Verknüpfung zwischen diesen beiden Reizen im Kopf des Pferdes gekommen sein, in dessen Folge das Pferd eine Angst vor Kühen entwickelt hat, die eigentlich eine Angst vor einem erneuten Stromschlag ist, aber falsch verknüpft wurde.

Oder aber, wie wir oben geschrieben haben, kann es auch einfach an der Verfassung deines Pferdes in dem ersten Moment gelegen haben, als es die Kühe erblickte oder am Verhalten der Kühe.

So geht’s dann weiter im Training

So oder so werden wir das nicht mehr rausfinden können und kümmern uns deshalb ab jetzt nur noch darum, diese Verknüpfung aus Angst und dem Anblick von Kühen zu lösen.

Um dem Pferd die Angst vor den behörnten (oder mal behörnten) Tieren zu nehmen, ist es notwendig, einen Desensibilisierungsprozess gegenüber Kühen zu durchlaufen. Um den Lernprozess zu beschleunigen, kann außerdem die klassische und operante Konditionierung verwendet werden, mit der Pferde und auch andere Tiere ohne großen Aufwand lernen können.

Noch ein wenig mehr Lerntheorie für dich

Definition: Klassische Konditionierung

Klassische Konditionierung heißt, das ein zuvor für das Tier bedeutungsloser Reiz mit einem Reiz verknüpft wird, der eine Reaktion hervorruft. Das passiert z. B. auch dann, wenn das Pferd durch Training lernt, als Reaktion auf einen dem Pferd bekannten Schenkeldruck und das unbekannte, verbale Kommando „Trab“ anzutraben. Zu Beginn des Trainings hat das Wort „Trab“ für das Pferd keinerlei Bedeutung. Durch Wiederholungen des Wortes zu dem Zeitpunkt, wenn das Pferd durch Schenkeldruck antrabt, wird mit der Zeit eine Verknüpfung beim Pferd zwischen dem Wort und dem Gangartwechsel hergestellt. In der Folge wird das Pferd nach einigen Wiederholungen nur auf das Wort „Trab“ hin antraben, ohne das Schenkeldruck eingesetzt werden muss. Der Prozess der Konditionierung dauert nicht lange, wenn er konsistent ausgeführt wird, d. h. wenn das Wort Trab so lange jedes Mal beim Antraben benutzt wird, bis das Pferd die Verknüpfung hergestellt hat.

Diese Verknüpfung kann übrigens auch mit zufällig gezeigtem Verhalten durchgeführt werden: Scharrt das Pferd mit dem Huf und wird dieses Verhalten in dem Moment durch den Mensch mit einem Wort benannt und dies geschieht häufig, wenn das Pferd dieses Verhalten zeigt, dann verknüpft das Pferd bald das Verhalten mit diesem Wort. Und nach einer Zeit kann durch das Aussprechen dieses Wortes wiederum das Verhalten ausgelöst werden.

Genauso kann es aber auch passieren, dass eine Verknüpfung eines Verhaltens mit einem negativen Reiz geschieht. Das kann dann passieren, wenn das Pferd vom Tierarzt gespritzt wird und es diesen Vorgang als unangenehm wahrnimmt. Das Pferd verknüpft dann unter Umständen die unangenehme Erfahrung des Spritzens mit dem Anblick des Tierarztes. Das kann dann dazu führen, dass das Pferd beim nächsten Besuch des Tierarztes eine heftige Gegenreaktion zeigt, wie etwa die Flucht ergreifen oder scheuen. Hier wird also der unbekannte, nicht mit einer Reaktion verknüpfte Reiz „Anblick des Tierarztes“ mit dem negativen Reiz des Schmerzes beim Spritzen verknüpft, der eine Abwehrreaktion dem Tierarzt gegenüber auslöst.

Zurück zur Desensibilisierung: Hierbei kommt es darauf an, das Pferd in kleinen Schritten an den stressauslösenden Reiz zu gewöhnen. Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, dass der Reiz nicht zu früh wieder entfernt wird und der Reiz zu Beginn auch nicht zu nah oder stark ist. Wird nämlich der Reiz zu früh wieder entfernt, findet keine Gewöhnung statt, sondern eine weitere Hypersensibilisierung. Der Reiz sollte deshalb erst dann entfernt werden, wenn das Pferd Zeichen der Entspannung zeigt, z. B. indem es anfängt zu grasen.

Hier wird der Vorgang der operanten Konditionierung verwendet, bei dem das Pferd eine gewünschte Aktion (sich entspannen und grasen) ausführt und dafür einen Belohnung erhält, hier reicht unter Umständen schon die Aufnahme von Futter oder die Entfernung vom Reiz. Die Aufnahme von Futter ist dann einen positive und die Entfernung vom Reiz eine negative Verstärkung des gezeigten Verhaltens. D. h. einen positive Verstärkung fügt eine Belohnung hinzu, während eine negative Verstärkung einen unangenehmen Reiz entfernt.

Die operante Konditionierung funktioniert immer nach dem Zufallsprinzip: Ein Tier führt zufällige Handlungen aus und lernt durch Ausprobieren, welche Aktion eine Belohnung auslöst oder dafür sorgt, dass ein unangenehmer Reiz entfernt wird. Wird dann im richtigen Moment die korrekte Aktion belohnt, wird das Tier diese mit großer Wahrscheinlichkeit wiederholen. Durch diese Methode lernen Tiere sehr schnell neue Dinge, besonders wenn dabei mit positiver Verstärkung gearbeitet wird. Ich habe meinem ehemaligen Pflegepony mit dieser Methode beigebracht, einen Teppich auszurollen. Dazu habe ich einen mit Leckerchen gespickten Teppich eingerollt auf den Platz gelegt und das Pony damit probieren lassen. Durch Zufall stubste es bei der Untersuchung des neuen Gegenstandes an die Rolle des Teppichs und legte damit das erste Leckerchen frei. Es probierte dasselbe Verhalten daraufhin sofort wieder und erhielt dadurch das nächste Leckerchen. Das nächste Mal musste ich schon keine Leckerchen mehr im Teppich verstecken, sondern den Teppich selbst, da das Pony sofort zum Teppich lief und ihn ausrollte, sobald es ihn sah.

Gut aufpassen mit der positiven Verstärkung: Denn diese kann auch von uns unbeabsichtigt erfolgen: Tritt das Pferd aus Ungeduld beim Füttern vor die Boxentür und bekommt daraufhin das Futter in den Trog, kann sich dabei schnell eine Verknüpfung aus Boxentürtritt und schneller Futtergabe ergeben.

Um einem Tier effizient und verlässlich etwas beizubringen, ist es wichtig, im Training richtige Verhaltensweisen zu belohnen und falsche zu ignorieren. Das gilt freilich nicht für den Alltag, wenn das Tier gerade dabei ist, den Mülleimer leer zu fressen oder den Menschen zu zwicken.

Der Grund, warum das Tier mittels operanter Konditionierung lernen kann, ist, weil es zwischen verschiedenen Reizen unterscheiden kann, also zwischen einem Reiz, der eine Verstärkung auslöst und einem, der keine Verstärkung auslöst. Wenn also ein bestimmter Reiz präsentiert wird, zeigt das Pferd einen bestimmten Reiz – im Beispiel vom Pferd von oben zeigt das Pferd beim Anblick von Kühen vermeidendes Fluchtverhalten. Wenn es allerdings z. B. Ziegen begegnet, wird es das Verhalten nicht zeigen. Das nennt man Diskriminierungslernen.

Quellen

Rankin C. H., Abrams T. et al., „Habituation Revisited: An Updated and Revised Description of the Behavioral Characteristics of Habituation“, in Neurobiol Learn Mem. 2009, 92(2), 135 – 138.
Hanggi E. B., „The Thinking Horse: Cognition and Percetion Reviewed“, in AAEP Proceedings, Vol. 51, 2005. 246 – 255.

Sendung „Die Pferdeprofis“, 2020, VOX. „Traumpferd Kajwer hat Angst vor Rindern“ (https://www.vox.de/cms/sendungen/die-pferdeprofis.html)

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Deine Erfahrungen mit dem Thema

Hast du schon Desensibilisierung benutzt, um dein Pferd an Dinge zu gewöhnen, vor denen es Angst hatte? Wie hat das funktioniert?

Schreib deine Erfahrungen und Geschichten gern in die Kommentare unter diesem Beitrag.

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Oder ihr habt eher Probleme beim Hufschmied oder wenn der/die Tierarzt/-ärztin kommt. Dann lies hier weiter.

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