Training im Tierheim – Interview mit Boris Makar

Boris Makar im Medical Training mit Hugo im Tierheim

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Inhalt des Interviews mit Boris Makar

Boris ist Trainer im Tierheim am Arboretum Bad Soden/Sulzbach. Die Arbeit mit den Hunden und dem Personal ist hier anders als bei anderen Tierheimen.

Boris‘ Arbeit und Geschichte mit dem Tierheim am Arboretum

Frage von Die Sprache der Tiere: Wie arbeitest du und wie unterscheidet sich das von eurer Arbeit?

Ein Tierheim hat in der Regel personelle und finanzielle Probleme. In der Regel gibt es auch Lücken beim Know-How. Es gibt da in der Regel keine Qualitätskontrolle, wie mit den Tieren umgegangen wird. Ein Tierheim hat häufig keine Zeit und kein Geld, das Personal besser auszubilden, damit stressfreier mit den Tieren umgegangen werden kann.

Häufig hängt es daran, dass jemand das freiwillig und mit Herzblut macht und dass sich womöglich die Mitarbeiter:innen nebenher in der Freizeit noch schulen lassen.

Im Fall von Boris: Er hat Tierheime gesucht, wo er filmen kann, wie er mit den Hunden arbeitet und wo er auf verschiedene Hundetypen trifft, mit denen er sein Training verbessern halten kann. Das spiegelt dann eher die Vielfältigkeit wieder, die Menschen mit ihren Hunden haben (im Gegensatz zu zwei lieben Labradoren, die Boris hat).

Das Arboretum hat engagierte Mitarbeiter und diese hatten auch schon mal einen richtig guten Trainer (Stephan Gronostay). Das heißt, sie waren gutes und positiv arbeitendes Training gewohnt und haben das auch gefordert. Damit war die Arbeitsweise von vorn herein klar: positives Training.

Zu Beginn der Zusammenarbeit hat Boris Videoaufnahmen mit Hunden gemacht, die gerade ein Problem hatten oder mit denen das Personal ein Problem hatte. Aus den anfänglichen, spontanen Trainings wurde nach einiger Zeit eine kontinuierliche Zusammenarbeit. Die hat die folgenden Bestandteile:

  • Boris erklärt, warum er was wie machen würde
  • Problembesprechung aus dem Tierheimsalltag, um das Problem zusammen zu lösen
  • Alle haben gemerkt, wieviel das bringt, wieviel Spaß das macht und wieviel alle lernen (auch Boris)

Es braucht engagierte Mitarbeiter und eine Tierheimleitung, die mitzieht und auch finanziell willens und in der Lage ist, solch eine Zusammearbeit zu tragen.

Konzept von positivem Training im Tierheim und dessen Potenzial

Frage von Die Sprache der Tiere: Was ist das Konzept? Was bringt das Training über das reine Trainingsziel (besseres Handling, Behandlungen sind möglich etc.) hinaus?

  • Arbeitsbedingungen und Abläufe verbessern sich für Mensch und Hund
  • Grundsätzlich verbessert sich das Wohlbefinden der Hunde
  • Stressfreies Handling von Hunden ist möglich. Das reduziert Stress bei Hund und Mensch.
  • Die Grundhaltung der Hunde Menschen gegenüber hat sich grundsätzlich verbessert, besonders als das Training strukturiert wurde (Stundenplan für Trainings mit bestimmten Hunden zu bestimmten Zeiten)
  • Das Bellen wurde weniger im Trainingszeitraum (für alle Hunde, auch die die nicht trainiert werden). Bei denen, mit denen trainiert wurde, wurde das Bellen auch vorher schon weniger.
  • Die Hunde schauen einen anders an und gehen anders mit einem los (wichtig für Personal und Gassigänger).
  • Die Hunde gehen offener auf neue Bezugspersonen zu (Gassigänger, Interessenten).
  • Das Handling mit den Hunden wird besser (allgemein für Tierheime, Pensionen etc.). Denn tägliche Situationen werden meist nicht trainiert, auch wenn sie schwierig für das Mensch-Hund-Paar sind. So entsteht da jeden Tag auf’s Neue Stress auf beiden Seiten. Der Zeitdruck sorgt dann meist zusätzlich noch für ein raues Handling der Tiere.
  • Das Training befähigt die Hunde, freiwillig mitzumachen
  • Das Stresslevel wird geringer
  • Die Wahrnehmung des Hundes durch Personals wird positiver: „Der hat ja richtig was auf dem Kasten.“ Das ist gerade bei problematischen Hunden besonders deutlich.
  • Mitspracherecht der Hunde
  • Problemhunde, die im Umgang sonst unangenehm sind, werden zu Lieblingen, deren Persönlichkeit zu Tage kommt und die zeigen können, wie schlau und gut sie mitmachen können beim Training
  • Hunde, die ängstlich oder unsicher reagieren, werden sonst schnell unter dem Begriff Deprivationssyndrom abgestempelt: „Die sind kaputt und können nichts mehr lernen und sich nicht ändern.“
  • Boris beweist das Gegenteil und arbeitet mit diesen Hunden am liebsten. Denn diese Hunde wurden meist nie gefragt, ob sie etwas können und wenn man was mit ihnen macht, dann sieht man häufig, dass sie extrem viel können und schnell lernen.

Fall Malta: ängstliche Hündin mit Problem beim Angefasst-Werden

Malta sitzt schon sehr lange im Tierheim. Sie ist nicht ganz verschlossen und hat schon Interesse an Beziehungen mit Menschen. Allerdings möchte sie in ihrem Tempo in die Begegnung gehen und nicht überfallen werden.

Hunde wie Malta leiden vermehrt unter der Gassigänger-Situation im Tierheim. Denn die Gassigänger opfern ihre freie Zeit, um mit den Tierheimhunden rauszugehen und erwarten dann meist unterbewusst, dass sich der Hund freut, wenn man mit ihm spazieren geht. Für Malta ist diese Situation auf zwei Arten schwierig: immer wieder fremde Menschen und Zeitdruck, in der gegebenen Zeit Gassi zu gehen.

Das Training mit ihr bestand zu Anfang nur aus im Zwinger sitzen und sie kommen lassen. Zum Glück ist Malta ist sehr futtermotiviert und kann das Futter auch vom Menschen annehmen. Das heißt der Stresslevel im Zusammensein mit dem Menschen ist nicht zu hoch. Mit Boris‘ kleinschrittigem Training gab es schnell Fortschritte. Dieses Training allerdings auf andere zu übertragen, ist schwer. Gerade für Gassigänger mit wenig Zeit.

Wenn man mit einem solchen Hund nicht in kleinen Schritten konsistent trainiert, lernt der Hund, dass Training immer auch Rückschritte beinhaltet (einen Schritt vor und drei zurück). Wenn dieser Zustand dann lange andauert, lernt der Hund, dass das Leben nun mal so läuft.

Boris‘ wichtigste Lernerfahrung aus seiner Arbeit im Tierheim

Um ein immer besserer Trainer zu werden, war das wichtigste Learning, kleine Schritte zu machen und dabei zu bleiben. Und festzustellen, wenn ein Schritt zu groß war und dann nochmal einen Schritt zurückzugehen und in kleineren Schritten fortzufahren. Und das dieser Zustand das ganze Trainer:in-Leben andauern wird. Denn ob Trainer:in oder nicht, man trainiert immer das Tier, was heute vor einem steht.

Auch wenn es mal keinen Fortschritt gibt, heißt das nicht direkt, dass etwas grundsätzlich schief läuft. Das Tier kann auch einfach mal einen schlechten Tag haben (Muskelkater, unausgeschlafen etc.). Es ist deshalb wichtig zu schauen, was jetzt ist und nicht was schon war. Egal wie gut das Training bislang war, kann es jederzeit mal sein, dass es schlechter läuft. Die Schwierigkeit liegt darin, herauszufinden, dass der Hund heute einen schlechten Tag hat, weil er es uns ja nicht direkt sagen kann.

Fall Hugo: Großer Hund mit Gewalterfahrungen als Junghund

Frage von Die Sprache der Tiere: Erzähl mal was über Hugo und was du mit ihm trainiert hast.

Hugo ist ein Fall, den man in den letzten Jahren im Tierheim häufiger sieht. Er ist ein großer, muskulöser Hund,  ein Dogo Canario. Diese Hunde landen leider häufig bei Leuten, die einen Hund haben, der Eindruck schindet. Mit sechs bis acht Monaten wachsen diese Hunde ihren Besitzern häufig über den Kopf. Diese versuchen dann häufig mit Gewalt die Hunde zu erziehen, was darin resultiert, dass die Hunde lernen, dass man mit Gewalt Konflikte löst. Das führt dann dazu, dass die Hunde schnell Gewalt anwenden, um sich Luft zu verschaffen in einer Situation.

Bei Hugo zeigte zu Anfang sogar eine Verschmustheit den weiblichen Tierheimmitarbeiterinnen gegenüber. Bei der ersten Begegnung mit Boris nahm er wahr, dass Hugo ihn ganz viel meidet und hat ihn dann erstmal in Ruhe gelassen.

Nach ein paar Wochen musste Hugo wegen einer Verletzung am Bein behandelt werden und hat dort das erste Mal gebissen und zwar relativ massiv. Er hat dort gezielt gebissen und hat sich dann direkt festgebissen.

Nach diesem Vorfall wurde das Training mit Hugo durch Boris und die Tierheimmitarbeiter priorisiert. Dabei haben sie geschaut, was wichtig war, mit ihm zu trainieren. Er hatte zu dem Zeitpunkt schon so weit eskaliert, dass, wenn man an die Tür seiner Box kam, er an den Gittern hochsprang, massiv drohte und bellte. Das heißt, wenn kein Gitter dazwischen gewesen wäre, wäre er sofort massiv auf die Person losgegangen.

Der erste Schritt im Training war dann, Annäherung von Menschen wieder positiv zu belegen.

Außerdem war klar, dass Hugo wohl zuvor schon mehrmals gebissen haben musste, denn meistens beißt ein Hund nicht beim ersten Mal so heftig und gezielt zu. Da gibt es zuvor eine Eskalationsleiter.

Als zweiter Schritt wurde dann ein Maulkorbtraining gemacht und zwar mit mehren Bezugspersonen aus dem Tierheim hintereinander. Das Training ging erstaunlich schnell, sodass nach zwei bis drei Wochen der Maulkorb drauf war.

Als nächster Schritt kamen dann jede Menge vergnügliche Aktivitäten mit Menschen dazu. Das hat bei Hugo bewirkt, dass sich seine Erwartungshaltung gegenüber Menschen grundsätzlich geändert hat. Von „Ich hasse dich und bring dich um“ hin zu „ Endlich kommt jemand!“ (mit Tanzeinlage).

Boris beschreibt, wie man mit einem Hund mit aggressivem Verhalten, der schon mal gebissen hat, an einen Punkt kommt, wo dieser wieder mehr kommuniziert, anstatt direkt zuzubeißen. Und er erklärt, wie das im Tierheimzusammenhang praktiziert werden kann.

Als das Handling gut trainiert war, konnte Boris an weiteren Problemen arbeiten, z. B. Hundebegegnungen und Sich-behandeln-Lassen.

Wie das Leben so spielt, hat er sich eine Kralle ausgerissen. An diesem Fall kann man sehen, dass Medical Training auch im Notfall schnell gehen kann, wenn man klitzekleine Schritte geht.

Hugo hat immer wieder Rückfälle, das liegt wohl daran, dass er besonders schlechte Erfahrungen gemacht hat, die ihn immer wieder triggern. Trotzalledem sind die Tierheimmitarbeiter motiviert, weiter mit ihm zu arbeiten. Dazu werden auch Umbaumaßnahmen im Tierheim realisiert, um den Druck aus dem Training zu nehmen.

Boris‘ Angebot für Menschen mit Tierschutzhunden und für Mitarbeiter:innen von Tierheimen

Anna, die stellvertrende Leiterin des Tierheims am Arboretum, hat bei Boris ihre Praxisphase der Ausbildung zur Hundetrainerin gemacht.

Zusammen bieten sie ein Angebot an für Tierheimhunde und Hunde mit Angstproblematiken. Anna hat lange Erfahrungen in der Arbeit mit solchen Hunden. Boris mag die Arbeit mit Tierheimhunden besonders, weil das so befriedigend ist und man das Leben von Mensch und Hund so viel besser machen kann. Er hilft dabei den Hunden, in das neue Leben reinzuwachsen.

Es wird drei Kurse geben:

  • Der Angsthasenkurs
  • Der Begegnungskurs
  • Social Walk

Das Projekt besteht noch aus einer zweiten Seite:

Andere Tierheime und Tierheimbewohner sollen von den Erfahrungen der Zusammenarbeit profitieren. Es wird Fortbildungen und Schulungen für Tierheimpersonal geben. Diese werden in Modulen angeboten, sodass die Menschen das Wissen häppchenweise haben können. Denn häufig ist das eine finanzielle Hürde.

Deine Erfahrungen?

Hast du schon mal Hunde im Tierheim ausgeführt? Was sind deine Erfahrungen mit Trainer:innen in Tierheimen? Schreib sie gerne in die Kommentare unter diesem Artikel.

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Kontakt zu Boris

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